Zuversichtlich und körperlich einigermassen vorbereitet flog ich nach Porto, dem Startpunkt für MEINEN Camino - was dann alles auf mich zukam, war dann doch teilweise überraschend und nicht vorhersehbar...
Ich hatte keine bestimmten Erwartungen oder Ziele für diese Reise und ich stand auch nicht vor schwerwiegenden Entscheidungen.
Ich war offen für alles, neugierig und aufgeregt! Natürlich hatte ich auch gehörigen Respekt vor diesen 287 km zu Fuss - alleine durch Portugal und Spanien ;-)
Alles - von den Unterkünften über die Flüge und Busreisen bis hin zu den Tagesetappen hatte ich alleine und wohl durchdacht durchgeplant und vorgebucht.
Ursprünglich wollte ich einfach losfliegen und die Tage auf mich zukommen lassen, dort übernachten, wo es mich hintreibt oder mein Körper mir sagt, dass es genug ist. Dabei war die Route natürlich schon klar!
Der Camino de Santiago portugues de la costa gibt das ja grob vor und es gibt Apps, die dich begleiten können, dir auch Herbergen und andere Übernachtungsmöglichkeiten vorschlagen.
Je näher der Abflug jedoch auf mich zukam, desto mehr merkte ich, wie mich diese Ungewissheit, nicht zu wissen, wo ich am Abend übernachten würde, stresste ;-(
Aus Interesse schaute ich auf booking.com nach kleinen Hotels und Gästehäusern auf der Route. Da ich nicht in Pilger - Herbergen übernachten wollte, war die Auswahl in meinem Budget sehr begrenzt.
Das bestärkte mich noch mehr, die Unterkünfte vorher zu buchen. Natürlich geht da ein grosses Stück Flexibilität und Freiheit verloren, aber ich fühlte mich trotzdem mit dieser Variante besser.
Ich wollte auf keinen Fall mit dem Handy in der Hand den ganzen Tag damit beschäftigt sein, ein Zimmer zu finden und in die Herbergen wollte ich nicht - also hopp oder topp!
Ich dachte mir, falls etwas auf einer Tagesetappe dazwischenkommt, gibt es ja auch noch Busse, Taxis und die Möglichkeit zum umzubuchen...
Also setzte ich mich 3 Tage lang vor den PC, plante und buchte ;-)
Zufrieden mit meiner Entscheidung und glücklich, ansprechende Domizile gefunden zu haben, begab ich mich auf den Weg.
Meine Etappen waren grob...
Porto - Labruge - Vazim - Esposende - Viana - Vila Praia de Ancora - A Guarda - Oia - Baiona - Vigo - Redondela - Pontevedra - Meis - Vilanova de Arousa - Teo - Santiago de Compostela
Ich kann alle Erlebnisse hier gar nicht wiedergeben, da das den Rahmen sprengen würde ;-) da müsste ich dann doch noch ein Buch schreiben...
Ich bin im Schnitt 20 km täglich gelaufen, habe total unterschiedliche Unterkünfte gesehen - vom Mini Hotelzimmer über kleinere Gästehäuser mit anonymem "check in" bis hin zu wunderschönen historischen galizischen Herrenhäusern, wo ich mit 3-5 anderen internationalen Pilgern zusammen diese besondere Atmosphäre geniessen durfte!
Hier wurden wir sogar vom Hausherr bekocht, haben wertvolle Ratschläge mit auf den Weg bekommen und haben uns beim gemeinsamen Frühstück über unsere Herkunftsländer ausgetauscht.
Ich habe diese Erlebnisse aufgesogen und abgespeichert. Aber danach war ich wieder froh, alleine weitergehen zu können und in in meinem nächsten Zimmer allein zu sein.
Das mag sonderbar klingen, aber ich hatte mich so auf das Alleinsein mit mir selbst eingestellt und auch daran gewöhnt, dass mir nur ein paar Stunden mit anderen Menschen bereits zu viel waren.
Jeder Tag startete mit einer Routine - gegen 7 Uhr aufstehen, duschen, anziehen, Rucksack packen und dann los ...
Meistens gab es kein Frühstück vor Ort, dann ging ich in das erste Café um die Ecke und nahm dort einen Kaffee und ein Croissant.
Und dann startete ich endgültig in den Tag.
Porto ist eine unglaublich schöne Stadt und ich verbrachte hier erstmal 2 Tage. Sah mir die alten Kathedralen und bunten Häuserfassaden an, trank abends in der Altstadt ein Glas Wein, machte eine Bootsfahrt auf dem Douro mit Portweinprobe und genoss das Treiben in den Strassen. Mein Zimmer war mitten im Zentrum, so dass ich mehrmals die Stadt erkundet habe.
Das Wetter war perfekt und die Temperatur ganz nach meiner Vorstellung mit 25 Grad am Tag und morgens um 10 Grad.
Ich sah täglich andere Strandabschnitte des wilden Atlantiks in Portugal und konnte mich nicht daran sattsehen.
Die ersten Tage lief ich immer auf Holzplanken am Meer entlang oder auf Pflastersteinen in den kleinen Fischer - Dörfern.
Je weiter ich nördlich lief desto mehr veränderte sich die Landschaft.
Es kamen immer wieder grössere Städte auf dem Weg, die ich natürlich ausgiebig besichtigte, meist am Nachmittag nachdem ich mein Zimmer bezogen hatte.
Abends ging ich dann irgendwo essen oder kaufte mir etwas unterwegs und ass im Zimmer.
Das Ankommen jeden Nachmittag an einem anderen Ort war immer besonders und voller Spannung.
Auch dann hatte ich ein Ritual von Auspacken, duschen, essen gehen oder einkaufen, das Dorf oder die Stadt besichtigen und dann wieder allein im Zimmer. Jeden Abend im Bett sortierte ich meine Fotos vom Tag (sehr viele...), machte noch einen kleinen Bericht für meine Lieben zuhause und telefoniert mit meinem Mann (und meinem Hund).
gegen 22 Uhr schlief ich meist - allerdings selten gut ;-( zu viele Eindrücke....!?
Ich hatte auch jeden Morgen und Abend kurzen Kontakt mit meiner Mutter, das die sich Sorgen machte.
Ab und zu auch mit einer Freundin!
Es wurde auch ein wenig hügeliger und ich lief jetzt auch immer wieder durch kleinere Kiefern - und Eukalyptuswälder ;-)
Zwischendurch immer wieder am Meer entlang oder mit herrlichen Ausblicken darauf!
Ziegen, Schafe, Pferde und Hühner liefen frei über die Felder.
Manche Gästehäuser waren so abgelegen, dass ich eine Stunde mehr für den Weg investieren musste, aber es hat sich immer gelohnt ;-)
Der Geruch von Kiefern, Ginster und Wildblumen sowie Vogelgezwitscher und Bienensummen begleitete mich auf dem ganzen Weg...
Die letzten 4 Tage hatte ich für mich den spirituellen Camino gewählt, der besonders schön ist und Teil des ursprünglichen Weges vom Heiligen Jakobus ist.
Hier war auch noch eine Bootsfahrt von einer guten Stunde dabei ganz früh am Morgen mit einer ganz besonderen Stimmung und eiskaltem Wind!
Dann die letzten Kilometer bis Santiago...
Ich war den ganzen Weg nicht wehmütig oder sentimental, hatte keine emotionalen Ausbrüche - aber als auf einmal aus allen Richtungen mehr und mehr Pilger zusammenkamen (alle Wege führen nach Santiago), wurde mein Hals plötzlich eng und mir stiegen die Tränen in die Augen ;-I
Vielleicht war es aus dem Gefühl heraus, dass mein Weg bald vorbei sein würde oder auch einfach die Stimmung untereinander, die Aufregung auf dem Platz der grossen Kathedrale einzulaufen?!
Auf den letzten Kilometern wurde ich auf einmal immer schneller und wollte ankommen!
Ich hörte Gitarrenklänge im Wald und Gesänge zur Begleitung der Pilger - es war wunderschön und ergreifend.
Es war soweit - ich hatte es geschafft - stolz, gestärkt und müde kam ich bei Regen (ich wurde auf dem gesamten camino nicht einmal nass!) auf dem Platz an, wo sich schon einige andere unter den Mauerbögen gesammelt hatten.
Ich machte ein paar Fotos von mir selbst und dem Ankommen, dann holte ich mir meinen letzten Stempel und die Compostela, die ich nch 5 Minuten in meinen Händen hielt, da ich bereits online eingecheckt hatte ;-)
Und sonst war ich zu keiner Emotion imstande.... erst am Abend bei der Pilgermesse nach einer kleinen Erholungspause bei einem Glas Wein draussen im Regen unter einem riesigen Schirm wurde mir klar, was ich geleistet und erlebt hatte!
Die Messe fand in der wunderschönen Kathedrale statt mit 100 en von Pilgern und war sehr feierlich und ergreifend.
Nach einer erholsamen Nacht machte ich dann noch einen Ausflug ans "Ende der Welt", Fisterra und durfte nochmal Besonderheiten des äussersten Westens Galiziens erleben - sozusagen das Finale meines caminos ;-)
Dann ging es am nächssten Morgen mit Bus und Flugzeug zurück in den Osten Spaniens, in meine Heimat...
gleich am nächsten Morgen hatte ich schon meine erste Yogastunde und war angekommen ;-))
Nach und nach werde ich das Erlebte revue passieren lassen, Fotos anschauen und die Erlebnisse verarbeiten - dazu war bis jetzt keine Zeit!
Ach ja - eine "Kleinigkeit" habe ich noch nicht erwähnt...meine persönliche Herausforderung auf diesem Weg ;-)
Mein Fuss machte mir erhebliche Beschwerden seit dem 4. Tag. Ich hatte den grossen Zeh vor ein par Jahren gebrochen und er heilte unentdeckt ohne Kontrolle irgendwie...wer weiss schon, wie es im Fuss drinnen aussieht?!
Ich dachte mir schon vor dem Start, dass das ein Problem geben könnte, da ich den Zeh auch bei normalen Spziergängen mit meinem Hund spüre.
Und so kam es dann auch. Es waren wirklich furchtbare Schmerzen, die sich über den gesamten Fuss manifestierten- jeden Tag woanders! Ich tapte, salbte und es wurde immer schlimmer - natürlich bei der Belastung!
Ich benutzte meine walking sticks und dachte irgendwann "das war es, ich muss abbrechen"!
Aber das wollte ich natürlich nicht...
Nach einer schlaflosen Nacht mit 1000 Plänen im Kopf kam ich zu dem Entscheid, mir den Druck zu nehmen. Keinen Menschen da draussen interessierte es, wie ich meinen camino meistere, es war meine Erfahrung und meine Entscheidung.
Also beschloss ich, mir Unterstützung zu erlauben in meiner Perfektion. Mit dem Bus Etappen zu bestreiten, falls es nicht mehr gehen sollte oder ein Taxi. Schliesslich gab es ja diese Möglichkeit!
Ausserdem Nahm ich entzündungshemmende Tabletten über ein ganze Woche, was ich normalerweise nie tat.
Hopp oder topp...;-)
Ich überlegte auch, meinen Weg zu ändern, eine einfachere Variante zu nehmen, verwarf den Gedanken aber schnell wieder.
Ich wollte den spirituellen Teil unbedingt laufen, das war mein Wunsch!
Lieber Strecken überbrücken...gesagt, getan!
Am nächsen Tag in die Apotheke und mit etwas weniger Druck weiter im Schneckentempo.
Sooo langsam war ich aber auch wieder nicht, denn ich habe immer wieder die gleichen Menschen getroffen.
Viele kleine Pausen...die Schmerzen wurden erträglicher!
Die Frage war nicht, ob die Schmerzen da sind, sondern ob sie erträglich sind.
Ich versuchte, meinen Fokus von dem Fuss wegzunehmen und mich auf die Natur und mein Tempo zu konzentrieren.
Ich redete fast ununterbrochen mit mir selbst - laut - es hörte mich ja keiner.
Schritt für Schritt in meinem Rhythmus...
Es stellte sich heraus, dass dies meine persönliche Herausforderung sein sollte - Langsamkeit, Achtsamkeit, Selbstfürsorge!
Meine Themen ohnehin, nichts Neues!
Nachdem ich mein Ziel auch in diesem Tempo erreicht hatte, beschloss ich für mich zuhause damit weiterzumachen und mir meine Erfahrungen immer wieder bewusst zu machen.
Ich arbeite daran....;-)
Ich habe nach 4 Wochen immer noch Schmerzen, aber es wird immer besser. Ich dachte, ich habe keine Beschwerden, bin körperlich fit und stark und habe mich dann darüber geärgert, dass mein Fuss nicht mitmachen will.
AHIMSA - Gewaltlosigkeit ist das oberste Gebot im Yoga und ich musste lernen, dass das auch für mich gilt!
Niemand ist perfekt - das zu akzeptieren und mich so anzunehmen war meine Aufgabe.
Im Nachhinein würde ich es wieder genauso machen, aber das war MEIN Weg und ich habe so viele unterschiedliche Meinungn wie Menschen unterwegs getroffen. Jeder macht seine Erfahrungen und hat einen andere Einstellung - deshalb darf und sollte das auch jeder selbst entscheiden - alles ist richtig und gut!
Auch, dass ich ganz allein gegangen bin, war genau richtig - ich hatte niemals Angst und fühlte mich sicher.
Eine Freundin sagte mir, man müsse jede Entscheidung alleine treffen und könne sich nicht beraten oder würde vom anderen mitgezogen. Ja, aber dann ist es auch wirklich MEINE Entscheidung und ich stehe dazu!
Das, was ich am meisten genossen habe und auch tatsächlich als einziges Ziel hatte, war mit mir alleine zu sein ;-)
Niemand fordert etwas von mir, keine Verpflichtungen, keine Kompromisse, keine Rücksichtnahme, keine Gespräche...
Nur ich mit mir, der Natur - die mir schon immer all meine Energie gibt - und mein Tagesziel.
Die Chance, nur das zu tun, was ich möchte und für richtig halte ohne mich rechtfertigen zu müssen. Mein Limit und mein Tempo zu bestimmen ohne auf jemanden Rücksicht nehmen zu müssen.
Das hat nichts mit Egoismus zu tun, sondern mit Selbstbestimmung, wie es im Alltag eben oft nicht möglich ist.
Sobald wir zusammen leben, lassen wir uns auch darauf ein - mit allem, was dazugehört ;-)
Ich hatte keine neuen Erkenntnisse auf diesem Weg, keine Gefühlsausbrüche oder Zweifel, aber ich fühlte mich gestärkt, voller Energie und in meinem Leben bestätigt! Ich spürte die Kraft in mir und das Selbstvertrauen, das mir in der letzten Zeit ein wenig gefehlt hatte.
Ich denke, wenn wir alle so leben könnten wie unser natürlicher Rhythmus und unser Bedürfnis es uns vorgibt, dann wären die meisten Menschen wesentlich glücklicher!